Werte Leserin, geschätzter Leser, wie geht es Ihnen? Und: wo gehen Sie am meisten? Wo gehen Sie am liebsten?

Wege reden zu mir, wenn ich durch die Stadt und über Land spaziere. Strassen und Wegstücke erzählen Geschichten, regen die Fantasie an.
Es gibt Strassennamen, die zum Ort gehören, zu dem sie mich bringen:
das Schlossgässli zum Schloss, der Kirchbühl zur Stadtkirche.
Die Technikumstrasse geht am ehemaligen Tech vorbei.
Auf der Jungfraustrasse sehe ich bei klarer Sicht die Jungfrau, deren Gipfel ich vor Jahren bestieg.
Die Oberburgstrasse führt mich nach Oberburg und die Bernstrasse bald für die nächste Zeit nach Bern. Eine einfache Sache, wenn ich zu einem bestimmten Ort will.
Nur bei Nebel oder Dunkelheit ist auf dem Chasseralweg nichts vom Chasseral zu sehen. Immerhin weiss ich, dass ich dank der Heimiswilstrasse auch nachts nach Heimiswil komme.

Auf der Zähringerstrasse fantasiere ich, wie die Zähringer in alten Zeiten in Burgdorf lebten und wirkten.
Auf dem kurzen Kyburgweg erfahre ich, dass die Regentschaft der Kyburger in unserer Region bloss wenige Jahrzehnte dauerte.
Auf der Pestalozzistrasse überlege ich, was Heinrich Pestalozzi zum heutigen Schulsystem sagen würde. Interessant ist, dass sie die Schule Gsteighof mit der Stadtbibliothek verbindet.
Auf der Friedeggstrasse werde ich motiviert, etwas Frieden weiterzugeben.
Unterwegs auf dem Gottlieb Jakob Kuhn-Weg werde ich nicht an einen Fussballer und Trainer erinnert, sondern an den Komponisten von Volksliedern.
Der Marienweg könnte Verwirrung stiften: er bringt mich nicht zur Marienkirche, sondern liegt still für sich zwischen Lindefeld und Steinhof.

Zwei redselige Wege brauchen keine Strassenschilder. Ein kleines Wegzeichen genügt für den Jakobsweg und die Herzroute 99. Sie kommen von weit her, Sie durchqueren unsere Region. Sie führen weit weg. Weite Wege. Wer auf ihnen unterwegs ist, kürzer oder länger, kann tolle Geschichten erzählen. Ansteckend.

Beim Spazieren durch die Stadt treffe ich hie und da Leute, deren Namen ich kenne. Wir grüssen uns. Wir plaudern kurz. Die meisten Gesichter kenne ich nicht. Oft geben sie trotzdem Anlass zu Fragen. Woher kommen sie? Wohin gehen sie? Welche Wege reden zu ihnen. Welche Wege reden von ihnen?

Wird es in 100 Jahren neue Strassennamen geben? Die an Menschen erinnern werden, die heute leben? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Auf vertrauten Wegen gehen. Und manchmal neue Wege gehen. So oder so.

Mein Wunsch der Woche: dass es Ihnen gut geht!

Markus Buenzli-Buob

PS: Dieser Text erschien in der Wochenzeitung D’REGION am 26. April 2016 in der Rubrik «Wort der Woche».