Noah lebt. Marit ist tot. Sebastian lebt. Andreas ist tot. Cédric ist auf die Welt gekommen. Für Erwin zünden die Anwesenden Kerzen an. Yrsa taufe ich im Kreis ihrer Familie, die Patin hält die Taufkerze in der Hand. Im Licht von Ostern trauern wir bei der Totengedenkstätte: eingeschriebene Namen lassen Gesichter mit Geschichte erinnern. Im Licht der Osterkerze freuen wir uns an getauften Kindern: eingeschriebene Namen verkörpern Zukunft und Hoffnungen. Zwei Reihen von Namen – eine beim südlichen Seitenaltar, eine beim nördlichen Seitenaltar in der Burgdorfer Kirche – schauen sich an. Koexistenz des Widerspruchs.

Draussen blüht und spriesst es: Frühling. Drinnen dominiert winterliche Kälte. Es heisst Abschied zu nehmen von einer jungen Mutter. Der unerwartete Tod hat brutal zugeschlagen. Endgültig. Kalendarisch folgt der Karfreitag zwar erst in zwei Wochen. Ich stehe aber jetzt, Anfang April, in der Friedhofskapelle. Um mich herum Menschen. Fassungslos. Mit dem jungen Paar habe ich vor einiger Zeit die Ehedokumente ausgefüllt. Nun ist die Frau, vor kurzem Mutter geworden, tot. Einfach so. Kompliziert so. Unverschämt. Ich soll, ich muss, ich darf den Trauergottesdienst gestalten. Mit vielen Kerzen, mit wenigen Worten. Lieber würde ich, lieber würden wir den Frühling geniessen, draussen sitzen, spielen und lachen.

Widersprüche. Poesie

Ich soll, ich darf den Osterartikel fürs Pfarrblatt schreiben. Vor Wochen habe ich der Redaktion zugesagt und bereits Textbausteine und Bildmotive zusammengetragen. Jetzt läuft der Text nicht so aus meinen Fingern, wie seit längerem angedacht. Ein anderer Textfluss entsteht am PC. Mein Kon-Text setzt sich zusammen aus aktuellen Erfahrungen innerhalb von vier Tagen. Ein Taufgespräch. Ein Trauergespräch. Ein Besuch am Wochenbett einer jungen Mutter, die sich über ihr zweites Kind, Cédric, freut. Ein Besuch im Krematorium am Sarg einer jungen Mutter. Koexistenz des Widerspruchs. Und dazwischen fahre ich mit meiner Frau und unserer kleinen Enkeltochter nach Winterthur zum Friedhof am Rosenberg. Zwischen Abdankungshalle und Krematorium bilden durchbrochene Schriftplatten einen geschützten Innenhof. Dort fotografiere ich Worte. Von Klaus Merz gedichtet, verdichtet. Deren Poesie passt zum neuen Osterartikel, zu meiner Stimmung beim Schreiben zwei Wochen vor Karfreitag, Karsamstag, Osternacht, Ostermorgen. Acht Worte. Kreuz und quer kombinierbar.

TIEFE. HIMMEL
WEITE. WELT
LEISE. WIEGEN
MUTIG. GEHEN

Poesie auf dem Friedhof? Poesie am Grab! Bei Trauergottesdiensten, ob auf dem Friedhof, in der Kirche oder im Altersheim, verwende ich dichte Worte, die in Kopf und Herz offene Zwischenräume erzeugen. Dichterinnen und Dichter aller Epochen schaffen kunstvoll Buchstabenkombinationen, die unter die Haut gehen. Begriffe, die plötzlich mit sinnvoller Bedeutung gefüllt werden. Gerade am Grab eines Menschen. Neue Bedeutung entsteht, weil der dortige Kontext Welt persönlicher interpretieren lässt. Ich zitiere, zum Beispiel, Erich Fried mit „Vorübungen für ein Wunder“ und „Bevor ich sterbe“. Ich zitiere Hilde Domin mit „Ziehende Landschaft“ und „Haus ohne Fenster“. Ich zitiere Rose Ausländer mit „Zerbrechliche“.
Bei Tauffeiern kommt Poesie leichter daher, spielerischer. Junge Eltern und Kinder gehen mit Dichtung im Kontext Geburt schöpferisch um.

Passion. Schöpfung

Ich zitiere auf dem Friedhof wie beim Taufbecken – und dazwischen im farbigen Alltag – biblische Poesie. Von Kohelet über die Zeit. Von Paulus über die Liebe. Von Psalmendichtern über eindrückliche Erfahrungen. Die Evangelisten schreiben über Wunder und Entrüstung, über Passion und Ostern. Koexistenz des Widerspruchs. Die älteste Passionserzählung, jene bei Markus, ist auf 7 Tage aufgeteilt, parallel zur Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel. Die beiden Meditationen verlaufen jedoch in umgekehrter Spannung und Dramatik, kreuzen sich am 6. Tag. Die Schöpfungserzählung wächst aus dem Chaos und steigert sich bis zur Erschaffung des Menschen als Mann und Frau am 6. Tag. Sie schliesst mit der Ruhe Gottes am 7. Tag. Und Gott sah, dass es gut war.
Die Passionserzählung beginnt mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, mit Halleluja und Triumph. Sie fällt ab bis zum Tod Jesu am Kreuz am 6. Tag und schliesst mit der Ruhe am 7. Tag. Nichts ist gut, der Gerechte muss leiden.
Am 8. Tag, am ersten Tag der neuen Woche, beginnt Gottes Schöpfung wieder zu leben. Frühling. Ostern! In die Katastrophe der Passion hinein formuliert der Evangelist: der grosse Stein ist weg, das Grab ist leer. Ein Mann mit weissem (himmlischem) Gewand sagt zu Frauen: Hier seid ihr am falschen Ort, Jesus erfährt ihr woanders. Ihr müsst dem Grab den Rücken kehren, wenn ihr ihn sehen wollt. Er ist auferweckt, aufgestanden, auferstanden, gesund gemacht (wie das griechische Wort „egeirein“ übersetzt werden kann). Im Evangelium kommt egeirein mehrmals vor. Zum Beispiel beim toten Mädchen: egeire, steh auf, wach auf. Zum Lahmen sagt Jesus: egeire, steh auf.

Ostern: Steh auf, der Stein am Grab ist weg. (Ein Stein fällt dir vom Herzen.) Dein Weg liegt frei vor dir. Geh dorthin, wo du verwandelt wirst. In den Frühling. In die Sonne. In die Liebe. Zum Spielen und Lachen. Den Weg mutig gehen. Die weite Welt erkunden. Die Tiefe des Himmels spüren. Neues Leben leise wiegen.

Cédric ist auf die Welt gekommen. Yrsa habe ich getauft. Sebastian, der Vater, lebt. Noah, das Kind, atmet ruhig und lächelt wie die Mutter. Die Osterkerze brennt. Die Toten sind nicht vergessen. Koexistenz des Widerspruchs.

grab taufbecken

Text und Foto: Markus Buenzli-Buob

PS: Dieser Text erschien im Berner Pfarrblatt 17/2014, in der Oster-Nummer, auf den Seiten 1 bis 3. Der Pfarrblatt-Artikel wurde mit weiteren Bildern illustriert. Layout: Otto Kunz.